Sommer 2022

Es ist Sommer am Meer. Ein Sommer, der sich seltsam fühlt. Ihm fehlt die Unbeschwertheit früherer Jahre. Das ausgelassene Gewimmel hinter der Düne ist besonneneren Ferien gewichen. Wo sonst in Restaurants und Kneipen bis spät in die Nacht die Gläser klangen, herrscht nun schon weit vor Mitternacht Stille. Das Geld ist knapp und die Sicht nach vorn vernebelt. Niemand weiß, was uns wirklich erwartet. Corona hat Verunsicherung in uns hinterlassen, genau wie Putin und der Krieg und die Klimakrise und unsere Regierung in Berlin und… 

Schwierige Zeiten, fühlbar selbst am Strandkiosk.
Die Preise steigen. Hier und da ein wenig, anderenorts kräftig. Diskussionen an jeder Ecke. Die Tourismusbranche kommt aus mauen Zeiten. Sie reagiert mit Preissteigerungen auf teurere Lieferanten und bereitet sich auf die Erhöhung der Energiekosten und auch die des Mindestlohns vor. Letzteres sei jedem gegönnt, der noch immer im untersten Lohnniveau arbeiten gehen muss. Doch die ganze Branche krankt. Es fehlt an Personal, Wohnraum, Perspektiven. Ein Hoch auf alle, die unter diesen Bedingungen ihr Bestes geben, um den Gästen eine schöne Zeit zu bescheren. Denn auch sie kommen aus zwei Jahren Pandemie.
Und das Meer schickt unbeirrt seine Wellen an den Strand, kühlt die Leiber der sonnenhungrigen Sommerfrischler und zerbröselt für ein paar Stunden die Realität. Die bleibt nämlich hinter der Düne zurück. Das ist die Magie des Meeres und seines Schutzwalls, der dafür sorgt, dass das salzige Nass nicht in unsere wohl geordnete und gut gepflasterte Menschenwelt eindringt. Gleichsam filtert er unsere Gedanken beim Weg den Strandabgang hinunter und die letzten Alltagserinnerungen fliegen mit unseren Blicken über den endlosen Horizont. Jetzt ist nur noch Zeit für Sonne, Strand und Meer.

Es lebt sich ein wenig wie in einer Blase auf Usedom, inmitten der Urlaubswelt, fernab von Ballungszentren, Hitzerekorden und Unwettern. Das soll nicht heißen, dass es nicht auch bei uns schon sehr heiß, sehr nass und sehr windig war. Aber es ist weniger Platz für gemeinschaftliche Alltäglichkeiten. Gespräche drehen sich mehr ums Entdecken der Insel, um ihre kulinarisch erschwinglichen Einrichtungen und die Frechheiten des meereigenen Federviehs, was – wohl gemerkt – selbst gemacht ist und darum auch ertragen werden muss. Denn wer über Jahre Möwen füttert (am besten direkt aus der Hand), muss sich heute nicht wundern, wenn Emma sich beim frisch gekauften Fischbrötchen im Sturzflug selbst bedient. Könnte ich malen, wäre das eine Szene, die ich gern für Euch verewigt hätte. Erst kürzlich stellte ich am Strand die Frage, ob das Möwenfüttern bei uns eigentlich auch verboten ist. Schulterzucken! Ich denke nicht. Besser wäre es vielleicht.

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