Weil Ostsee mehr ist als Wind, Wellen und Strand

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Der Strand ist zum ersten Mal in diesem Jahr gut gefüllt. Eine kühle Brise vom Meer macht die Hitze erträglich. Ich sitze unter einem Sonnenschirm auf Golzens Terrasse, den Hund zu meinen Füssen, einen Becher Wasser in der Hand, und schaue über unzählige Strandmuscheln hinweg auf die Ostsee. Sanftmütig liegt sie da und erinnert mich an einen Artikel im ZEIT Magazin, in der sie als Loser-Meer bezeichnet wurde. Ein nettes Binnenmeer, das weder Gezeiten noch richtige Stürme kennt und irgendwie immer langweilig aussieht. Nun ja, denke ich, all ihre Facetten während eines Kurzurlaubs am Greifswalder Bodden zu erleben, ist schon eine Herausforderung und braucht ganz viel Fantasie. Besonders während der warmen Monate. Selbst mir fällt es schwer, mich beim Blick über sommerliche Wellen an Herbststürme zu erinnern. Und ist es nicht genau diese Milde, die jedes Jahr wieder Millionen Menschen an ihre Küsten zieht? Die Ostsee ist Zuhause und zweite Heimat. Sie ist Sehnsuchtsort und Tankstelle für ausgelaugte Gemüter. Für manche ist sie ein Kompromiss, der sich ganz unmerklich über die Zeit in eine heimliche Liebe verwandelt. Sie hat Charme und ist wandlungsfähig wie ein Chamäleon. Schiebt der Tag dichte Wolken über ihre Wellen, färbt sie sich dunkelgrau und zeigt die kalte Schulter. Ist der Himmel wolkenlos, gibt sie seinem Blau eine atemberaubende Tiefe, der sie manchmal weiße Schaumkronen aufsetzt. Und wer einmal einen Sonnenaufgang über der stürmischen See erlebt hat, wenn die Sonne die tief hängenden Wolken für ein paar Augenblicke nur von unten anstrahlt, wird immer wieder hierher zurückkehren…

Eine alte Frau setzt sich neben mich, richtet ihren ausgeblichenen Sonnenhut und sagt: „Ist es nicht traumhaft schön hier!?“

„Ja.“ antworte ich und bemerke mein Lächeln.

„Wie es wohl sein muss, hier zu leben? In all dieser Schönheit, aber auch mit den vielen fremden Menschen?“

„Sie kommen und gehen. So wie die Wellen.“ Ich spüre, wie sie mich ansieht und nickt. 

„Ein Leben in Saisonzeiten, oder?“

„Ja. Ist nie anders gewesen.“

Dann erzählt sie mir von ihrer Familie, von den Jahren ohne Ostsee und von der Sehnsucht, die immer da war. Sie erzählt von ihren Enkelkindern und dem Hund, den sie gerade hat gehen lassen müssen. Und ich höre ihr zu und denke, genau diese Geschichten sind auch ein Teil der Ostsee.

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Petra Kleinwort
9 Monate zuvor

Wunderschön ich liebe diese Geschichten die das erzählen was man gerade fühlt und erlebt❤️

Kiki
9 Monate zuvor

Liebe Claudia, danke für diese schöne Sturmzeitgeschichte. Ich liebe die Ostsee in all ihren Facetten und zu jeder Jahreszeit. Ich finde sie ist besonders abwechslungsreich und jede Saison Zeit hat ihren ganz eigenen Charme mit all den Vor- und Nachteilen
, die zu jeder einzelnen Saison halt dazu gehöhren. Für mich ist es jedesmal wie nach Hause kommen und ich bin mir ganz sicher eines Tages werde ich nicht mehr nach Hause kommen sondern für immer Zuhause auf Usedom sein. inselverliebt, das Gefühl, dass ich in meinem Herzen spüre und dank Deiner wunderbaren Manufaktur auf der Haut trage. Liebe Grüße aus Bremen Kiki

Helga Gerard
9 Monate zuvor

Herzlichen Dank für wieder so einen schönen Text, der mir immer viel bedeutet.
Liebe Grüße

Angelika Döring
9 Monate zuvor

Hallo Ihr Lieben, danke für diesen schönen Beitrag. Auch ich bin der Sehnsuchtsmensch der gerne an die See kommt. Es ist auch egal wie das Wetter ist. Nun dauert es wieder etwas, bis ich fahren kann. Ich mag besonders die raue Zeit an der See (Oktober bis Februar).Euch Allen einen schönen Sommer. Angelika

Romy
9 Monate zuvor

… Und wieder seh ich dich direkt da sitzen und wünschte, ich könnte dir und der alten Dame zuhören… Im Hintergrund das leise Rauschen der Wellen, die Füße barfuß im weichen Sand … Ich schließe die Augen und bin da ❤️

Maja
9 Monate zuvor

Ich vermisse die Sturmzeitgeschichten mit all ihren wunderschönen Bildern und Schurkes Texten. Ich bin seit zig Jahren ein stiller Gast und suche dort seit über 12 Monaten eine kl. Zweizimmerwohnung.Letzteres leider ohne Erfolg. Mein Herz jedoch hört vor lauter Sehnsucht nach dem Meer nicht auf zu hüpfen. Ich m u s s weitersuchen. Dass ermutigt mich,meiner unstillbare Sehnsucht nachzukommen um auf der Insel endlich anzukommen.
Bitte gib das Schreiben nicht auf.
Ich besitze immer noch alle Sturmzeitgeschichten.❤️

Michaela Fischer
9 Monate zuvor

Liebe Claudia, danke für diese tolle Sturmzeitgeschichte. Musste beim lesen schmunzeln, weil einiges auf uns zutrifft, was du geschrieben hast. Denn mittlerweile ist es für uns schon wie nach Hause kommen, der Erholungsmodus setzt sofort ein und man ist gechillt wie unsere Tochter immer so schön sagt.
Sonnige Grüße aus Lüneburg

Ute Baier
9 Monate zuvor

Hallo meine liebe Claudia…wie schön du wieder geschrieben hast… bin so dankbar und froh das ich wieder auf unserer Lieblingsinsel sein durfte…habe Kraft und Ruhe getankt für meinen neuen Lebensabschnitt…schön das wir uns …wenn auch nur kurz gesehen haben. Fühl dich ganz dolle gedrückt 🤗

Heike Krause
9 Monate zuvor

Wunderbar geschrieben
Auch wir lieben „unsere Insel“ und kommen wann es auch immer geht zum Kraft tanken.
Der Blick aufs Meer ist der beste Psychologe
Liebe Grüße liebe Claudia
Danke für deine schönen Geschichten

Antje
9 Monate zuvor

Ach wie schön und leicht geschrieben❤️das liest man wie in einem Rutsch und ist sofort am Meer…Danke für die kurze Meerauszeit👍👌💐

Marina
9 Monate zuvor
Antworte auf  Antje

Vielen Dank
Genau so empfinde ich, und wenigstens 1x im Jahr muss ich die Ostsee in echt sehen, und wenn es nur wenige Tage sind und inzwischen aus persönlichen Gründen andere Urlaube stattfinden.
Liebe Grüße

Marion
9 Monate zuvor

Liebe Claudia es ist wieder eine sehr schöne Geschichte. In 3 Wochen bin ich wieder da, in der 2 . Heimat, am Sehnsuchtsort, am Seele baumeln lassen Strand.
Ich warte immer sehnsüchtig auf eine neue Geschichte, denn dann fühlt man sich der Ostsee ein Stück näher.
Letztes Jahr habe ich mir die Ostseekrimis von Elke Pupke mitgenommen, mittlerweile lese ich sie schon zum 2. Mal. ,man kennt die Orte ja und alles ist so vertraut.
Jetzt warte ich sehnsüchtig auf den 30.7., eine neue Geschichte von dir und einen neuen Ostseekrimi.
Seid alle lieb gegrüßt von Marion aus Aschersleben.

Carlo Weyermann
9 Monate zuvor

Usedom und hier ganz besonders die Kaiserbäder wirken wie ein Magnet der uns immer und immer wieder auf die Insel zieht. Die Sehnsucht zur Sonneninsel Usedom wird emotional geschürt durch deine fantastischen Sturmgeschichten. Sie sind sooo liebevoll geschrieben. Immer wieder schießen fantastische Bilder und Erinnerungen durch den Kopf wenn man deine tollen Sturmgeschichten liest. Immer wieder ein Highlight liebe Claudia. Wir freuen uns schon auf September und ein Wiedersehen im Geschäft, beim Gosch oder am Strand. Liebe Grüße vom Carlo und Gisela aus der Eifel. 🙋‍♂️🙋‍♀️

Wilfried Meißner
9 Monate zuvor

Herzlichen Dank für die Geschichte. Auch für mich ist die Ostsee Sehnsuchtsort und das zu jeder Jahreszeit egal, an welcher Stelle der Ostsee man gerade ist.
Liebe Grüße aus Rüdersdorf bei Berlin
Wilfried

Petra
9 Monate zuvor

Vielen Dank für die schöne Geschichte. Ich war noch nie im Sommer da, aber ich liebe die unterschiedlichen Jahreszeiten und Eindrücke von der Insel. Für mich ist es auch immer wie ein nach Hause kommen und am 2. Tag bin ich schon so entspannt dass ich nicht mehr weiß welcher Wochentag ist. Noch 8 Wochen dann ist es wieder soweit 😀

Kerstin
9 Monate zuvor

Liebe Claudia,
ich habe die Geschichte sehr gern gelesen. Mehr als Schmunzeln musste ich über den Hinweis auf den Artikel im ZEIT Magazin und die Basis desselben . Und ich dachte, so ist es manchmal.
Du beschreibst das Meer sehr intensiv, sich stetig verändernd, jeden Tag neu. Ich sehe die Bilder, die Du beschreibst und denke, genau so ist es.
Und ich sehe Dich da auf der Terrasse sitzen und die alte Frau neben Dir und folge Eurem kurzen Gespräch. Mit einem Lächeln im Gesicht.
Ich würde Dir gern einen Kaffee ausgeben 😉

Dana
8 Monate zuvor

Moin, ja genauso ist es. Ich liege auf meiner Terasse und vermisse das Meer und den Wind dazu. So schön es zu lesen…..bald ist es wieder soweit. Ich freue mich. Danke.

Angelika Richter
8 Monate zuvor

Hallo Claudia,
die Sturmzeitgeschichten sind einfach wunderschön. Man spürt das du ganz fest mit der Insel und der Ostsee verwurzelt bist.
Deine Erzählungen lassen mich von meiner Lieblingsinsel träumen, in meinem Kopf entstehen Bilder dazu und das ist schön🤗.
Ich danke dir von ganzem Herzen für diese Geschichten😘
Liebe Grüße aus Ostfriesland von Angelika Richter