Sonntagmorgengedanken

Sonntagmorgen. Spatzengezwitscher begleitet mich auf dem Weg zum Strand. Die Nacht hängt noch tief über der Insel, das Meer liegt ruhig in der Weite und die Sonne schiebt sich langsam über den Horizont. Es ist warm und mit jedem Schritt durch den morgenkühlen Sand verliert sich das Geräusch der Seebadstraßen, bis nur noch das Schwappen der Wellen bleibt. Während die Welt hinter der Düne noch schläft, beginnt hier ein neuer Tag. Tausende Male erlebt und doch so anders als jemals zuvor.

Was im letzten Jahr vorsichtig seine Fühler streckte, ist in diesem Jahr in aller Deutlichkeit spürbar. Die Welt ist im Wandel. Es fehlt an Geld. Beim Einkauf, an der Tankstelle und natürlich auch im Urlaub. Jeder Restaurantbesuch wird zum Highlight, das man sich nicht jeden Tag leisten kann. Der lauschige Abend auf der Hotelterrasse bei einem Glas Aperol wird gern einmal gegen die Promenadenbank bei mitgebrachtem Supermarktwein getauscht. Sorgenfalten machen sich auf den Gesichtern der Hoteliers und Gastronomen breit. Zum Mitarbeitermangel und den explodierenden Energie- und Einkaufspreisen gesellt sich nun die fehlende Kaufkraft der Menschen. Und der Gast steht kopfschüttelnd vor den Preisaushängen. Usedom könne man sich bald nicht mehr leisten, höre und lese ich immer wieder. Doch ist es anderswo besser?

Und liegt nicht eine große Chance in dieser Krise? Auch mich macht sie aufmerksamer beim Einkauf. Ich hinterfrage meinen Konsum viel mehr. Was ist mir wirklich wichtig? Was brauche ich? Und worauf kann ich gut und gern verzichten? Wir haben so lange in einer Überflussgesellschaft gelebt, Dinge angehäuft, die uns kurzfristig glücklich machten und die heute unbeachtet ihr Dasein fristen. Dabei gibt es so vieles, das kein Geld kostet. Das Meer zum Beispiel oder die Wiese hinter dem Haus, der Wald und der Park um die Ecke, das Gezwitscher der Vögel und das Lächeln der Nachbarin, das kurze Gespräch über die Kühltruhe im Supermarkt hinweg. Um die Seele zu nähren, müssen wir nicht immer etwas kaufen. Es braucht Momente, die uns lebendig fühlen lassen und in einer Gemeinschaft mit anderen. Denn wir gehen nicht allein durch diese Zeit.

Langsam füllt sich der Strand, verschlafene Gesichter gesellen sich zu meinen Gedanken. Ein freundliches Guten Morgen läuft an mir vorbei, bevor ich ins Meer steige und mit kräftigen Zügen der Sonne entgegen schwimme.

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9 Kommentare
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Petra
9 Monate zuvor

Gute Geschichte und so wahr. Aber Verzicht tut auch immer ein bißchen weh und bedeutet für viele ein Rückschritt. Dabei ist es tatsächlich nur Selektion. Man erkennt wieder, was man wirklich braucht oder möchte. Und viel Schönes ist tatsächlich kostenlos.

Romy Sommer
9 Monate zuvor

Wie immer sehr gut geschrieben und auf den Punkt gebracht. Ich sehe es als Chance, dass wieder mehr Menschen ihren Urlaub im innersten genießen. Usedom ist für mich ein Seelenheiler … Ankommen, über die Düne gehen und alles schwere fällt ab und die evtl Probleme werden bedeutungsloser bzw kann man sie als Alternativen sehen. Ja, auch wir hatten schon schwere Zeiten durch meine Krankheit, aber gerade Usedom und auch du, liebe Claudia, haben mir dabei geholfen, durchzuhalten und stark zu bleiben (in meinem mir möglichen Rahmen 😉). Diese Alternativen scheint es jetzt für die gesamte Gesellschaft zu entdecken zu geben. Es ist, wie Petra schreibt, für viele ein Rückschritt, aber vielleicht gerade dadurch eine Chance… Back to the roots?!
Ich freue mich dennoch jedesmal mehr auf meine Seelenheiler 😘 hoffentlich bis bald, bleibt gesund und stark!

Bianca
9 Monate zuvor
Antworte auf  Romy Sommer

Hallo und guten Morgen,
Ich kann Romy nur eins zu eins zustimmen. Bei mir ist es genauso.
LG Bianca

Renate Broers
9 Monate zuvor

Verzicht muss nichts negatives bedeuten. Meine Grossmutter hat immer gesagt man muss aus allem das Beste machen. In diesen Zeiten werden die Menschen gezwungen anders zu leben. Wir brauchen keinen Überfluss und das was wir haben sollten wir wertschätzen. Und die Menschen sollten sich mehr in Achtsamkeit üben.

Anja Li
9 Monate zuvor

Ihr Lieben,
Es kommt auf die kleinen Dinge im Leben an. Und oft ist es die Sichtweise, ob das Glas halb leer oder halb voll ist!
Wenn das Glas halb voll ist – sieht alles viel verheißungsvoller aus – als wenn das Glas halb leer ist, denn das wirkt dann oft deprimierend. Und davon haben wir zur Zeit doch wirklich genug Dinge, die uns runterziehen.
Also lasst uns den Blick nach Vorne richten und auf das schauen, was wir haben und nicht auf das – was wir nicht haben.

Ich sehe es genauso, wie Claudia schreibt, es gibt so viele schöne Dinge neben uns, über uns, unter uns und mit uns und in uns!
Wir müssen manchmal nur wieder lernen sie zu entdecken, die schönen Dinge im Leben. Und das hat wirklich nicht viel mit Geld zu tun.

In diesem Sinne – einen SCHÖNEN Sonntag!
☀️🥰💫

Carlo Weyermann
9 Monate zuvor

Dankeschön liebe Claudia für Deine wunderschöne Sturmzeitgeschichte. Wie wahr und treffend Du uns das vor Augen führst, manch einem werden hier die Augen weit geöffnet. Aber die Uhr dreht sich weiter und wir werden weiterhin sehr schöne aber auch weniger schöne Zeiten durchleben. Machen wir das Beste daraus.
Wir freuen uns auf September wo wir vsl. wieder auf der Sonneninsel Usedom urlauben werden und uns hoffentlich wieder sehen. Gerne erinnern wir uns als wir uns letzte Jahr in deinem Geschäft herzlich umarmt haben. Das war sooo fantastisch. Liebe Grüße vom Carlo und Gisela aus der Eifel.

Nicole F.
9 Monate zuvor

Es gibt sie noch, die Sturmzeitgeschichten. Ich freue mich so sehr darüber. Danke für die klaren Worte.
Ja, leider geht es vielen Bürgern in diesem Land so, dass an allen Ecken gespart werden muss. Viele Jahre konnten wir konnten wir auch nicht in jedem Jahr in den Urlaub fahren, aber das hat weder unseren Kindern, noch uns geschadet. So wurde der Urlaub viel mehr genossen, da es ja nicht jährlich möglich war. Allerdings, wenn wir im Urlaub waren, dann so, dass wir nicht jeden „Heller“ abzählen mussten. So sehen und händeln wir das heute noch. Kinder sind inzwischen erwachsen. Wenn wir zu Zweit im Urlaub sind, dann nicht so das ständig auf das Geld geschaut werden muss.

Eigentlich wären wir ab heute auf unserer Lieblingsinsel, aber wir mussten wegen eines Unfalls absagen und sind sehr traurig darüber. Der Aufenthalt für das nächste Jahr, in unserer Lieblingsferienwohnung, ist schon gebucht.

Kiki
9 Monate zuvor

Liebe Claudia, was für ein wundervoller Text.. Ja, du hast Recht, wir alle sollten unseren Konsum überdenken. Braucht man das alles wirklich? Wir sollten viel mehr die Kleinigkeiten und die vielen Glücksmomente schätzen. Ein Tag am Strand, der Grillabend mit Freunden, das tolle Buch, welches man nach dem Lesen weiterverschenkt und ja, vielleicht dann statt 3 X Usedom vielleicht nur 2 x im Jahr, aber dann mit Genuss auf ganzer Linie Mega liebe Grüße aus Bremen

Helga Gerard
9 Monate zuvor

Liebe Claudia,
vielleicht erinnerst du dich an mich, ich bin vor 72 Jahren in Heringsdorf geboren und in Bansin in der Bergstraße groß geworden.
Bin über die Jahre in größeren Abständen jedoch immer mal auf der Insel gewesen. Durch das Ableben meiner Verwandten, war ein großer Zeitraum da, nicht mehr zu kommen.
Nach dem Fall der Mauer, war die erste Reise zurück auf „meine Insel „!
Ich persönlich, leide unter der extremen Veränderung sehr, denn durch eine überschaubare Rente, den explodierenden Kosten in allen Bereichen, ist es für mich nur möglich mit großen Anstrengungen, und viel verzicht, eine Reise an meinen Heimat- Herzensort zumachen.
Ich danke dir, dass du deine Gedanken und Gefühle mit uns teilst! Für mich ist es immer eine große Freude, es zu lesen.
Ich freue mich riesig, denn ich werde in der letzten August Woche und der ersten September Woche, wieder auf der Insel sein!!!
Mit ganz vielen lieben Grüßen
Helga

Bärbel Zweigert
9 Monate zuvor

Ich finde es sooo toll das du wieder schreibst. Dann geht es dir besser als vor einem Jahr als wir uns in deinem Laden persönlich kennengelernt haben. Ich liebe de hoodie und die Shirts sehr, und sitze in Waren an der Müritz in dem hoodie auf dem Balkon direkt am Hafen und genieße den Urlaub. Liebe Grüße Bärbel aus Thüringen